Wie Betroffene wegen Verdacht auf Bipolarität ansprechen?

Die Frage stellen Angehörige und Freunde von Betroffenen so oder so ähnlich oft. Es scheint also nicht so einfach zu sein, zu sagen: „Ich denke, Du brauchst professionelle Hilfe!“ Nicht jede und jeder kann offenbar direkt ansprechen, wenn sie/er erkennt, dass eine nahe stehende Person professionelle Unterstützung und damit Therapie(n) brauchen könnte. Ein heikles Thema also. Wenn Du jemand bist, der das ohne Weiteres hin bekommt, dann kannst Du an dieser Stelle das Weiterlesen abbrechen, oder du gibst mir nach dem Lesen im Kommentar Feedback zu dem, was ich vergessen habe und ergänzt mich. Wenn Du das für Quatsch hältst, was ich zu sagen habe, dann bitte ich Dich natürlich ebenso mir Rückmeldung zu geben.

Bevor wir uns nun aber ansehen, wie wir Betroffene auf eine Therapie hin ansprechen können, stellen wir uns die folgende Frage:

„Warum kann ich nicht einfach direkt sagen, dass ich denke, dass Person „X“ Hilfe benötigt?“

Da sind wir beim Kern des Ganzen. Denn davon ausgehend gibt es zumeist Antworten, die letztlich zu zwei zusammengefasst werden können. Diese Antworten habe ich immer und immer wieder bekommen – wenn ich obige Frage gestellt habe. Und ich habe viele in meinem Umfeld gefragt. Denn auch mir konnten viele meiner Bekannten, Freund*innen und Angehörigen nicht mitteilen, dass sie dachten, dass ich Hilfe benötigte. Dies stellte ich nach der Diagnostizierung meiner Bipolaren Störung zu meinem Erstaunen fest. Es kamen, nach der Offenbarung diesen gegenüber, so Erklärungen, wie: „Ich hab’s ja schon immer gewusst, aber…!“ oder „War mir ja eigentlich klar.“ oder „Das wundert mich nicht, weil…!“. Ich erfuhr dann oft, auch hinter vorgehaltener Hand, dass Person Y und Z diesen Verdacht geäußert hatten. Nur mit mir sprach niemand seinerzeit. Schade. Denn so hätte ich früher behandelt werden können. Hätte, hätte, Fahrradkette… Es nutzt nichts zu jammern, denn nun ist das so.

Viele wissen um psychische Erkrankung, bzw. haben Verdacht

Ich musste also feststellen, dass Manche teilweise über mehr als ein Jahrzehnt lang den Verdacht hatten, dass ich „manisch-depressiv“ bin, sich aber nicht trauten mich anzusprechen. Ich wollte nun herausfinden, warum. Und mit meinen Fragen und den zugehörigen Antworten konnte ich feststellen, dass dies im Wesentlichen aus zwei Gründen nicht geschah: Man hatte Angst, dass ich das als Beleidigung empfinden könnte und man empfand es selbst als zu provozierend eine solche Frage zu stellen. Zwei simple Begründungen die für mich und vermutlich Tausende andere Betroffene den Unterschied machen, ob sie behandelt werden oder nicht.

Was sagt dies nun über diejenigen aus, die nicht im Stande waren mir das direkt in’s Gesicht zu sagen? Dass sie ernsthaft glauben, dass die Empfehlung von Hilfe unhöflich oder gar beleidigend ist? Oder, dass sie geistige Probleme als Schwäche werten? Oder, dass sie denken, dass ich ein Mensch zweiter Klasse bin? Oder es gar nicht erst verstehen würde? Oder, dass sie selbst nichts von Therapie halten? Sie die gar für Zeit- und Geldverschwendung halten? Alles realistische Szenarien. Ich stellte mir weiterhin die Frage, ob sie, wenn sie festgestellt hätten, ja teilweise sogar haben, dass ich eine fiese Erkältung oder eine offene Wunde hatte, auch so reagiert hätten – mit Schweigen. Nein, hätten und haben sie nicht. Sie differenzierten also.

Stigma meist die Wurzel des Nicht-Ansprechens Betroffener

Im Grunde sind die zwei Antworten zu reduzieren auf die Selbstoffenbarung: Sie stigmatisier(t)en. Wenngleich nicht immer bewusst und böswillig. Das unterstelle ich niemandem, aber zumindest unbewusst und ganz automatisch. Ich musste also feststellen, dass das Stigma vor psychischer Erkrankung ein Grund ist, weshalb ich nicht schon eher Hilfe in Anspruch nehmen konnte. Ein wichtiger und wesentlicher Grund. Denn psychisch Kranke bemerken oft nicht, dass sie krank sind. Ich habe komische Verhaltensweisen von mir jedenfalls nicht in dem Ausmaß gesehen, dass ich eine bipolare Störung habe. Die Wurzel, weshalb jemand das nicht einfach sagen kann, was ist, war also gefunden: Stigma.

Bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass ich mich sozio-kulturell in Kreisen bewege, in der sich viele für fortschrittlich und revolutionär halten. Rosa Luxemburg wird da schon mal mit der Aussage zitiert: „Zu sagen was ist, bleibt die revolutionärste Tat!“ Ich kann nur jeder/jedem empfehlen diese Aussage von Rosa Luxemburg ernst zu nehmen, gerade in Hinblick auf psychische Erkrankungen und zum Revoluzzer/ zur Revoluzzerin in diesem Sinne zu werden. Das klingt doch gar nicht so schwer, ist aber tatsächlich radikal (Lateinisch radix= Die Wurzel). Es geht also darum die Dinge an der Wurzel anzupacken, wenn man so will, ein*e Radikale*r zu werden ;-).

Und wenn ich das Thema nun bei der Wurzel packe, weil ich die – begraben tief unter der Erde – gefunden habe, dann kann ich auch die Tipps geben, die helfen, Betroffene direkt anzusprechen. Die ihnen helfen, anzusprechen, was ist. So, dass bei einer Fachfrau/einem Fachmann über offensichtliche Symptome, wie Schlaflosigkeit, Stress, Gereiztheit, Ungeduld, Hypersexualität, anhaltende Trauer oder Angstzustände gesprochen werden kann.

Dennoch gilt es beim Ansprechen bestimmte Dinge zu beachten und das schonend rüber zu bringen. Tatsächlich auch, um keine Befindlichkeiten zu treffen, denn wenn noch keine Krankeneinsicht da, oder das Verständnis für psychische Erkrankungen voll von Vorurteilen ist, dann kann das tatsächlich auch so sein, dass die betroffene Person wirklich auch beleidigt reagiert. Oder Betroffene empfinden Scham, ob ihres Verhaltens.

Barriere im eigenen Kopf ablegen

Mache Dir selbst erst mal klar, dass Du Betroffenen nur helfen kannst, wenn Du selbst im Kopf klar hast, dass der Gang zu einem Facharzt/einer Fachärztin für psychische Erkrankungen etwas ganz normales ist. Wenn Du Probleme mit den Augen hast, dann gehst Du schließlich nicht zum Zahnarzt, Du suchst auch keine Proktologin auf, wenn Du eine Ohrenentzündung hast. Wieso sollte das also bei psychisch bedingten Symptomen etwas anderes sein? Mach Dir bewusst, dass komische Verhaltensweisen der betroffenen Person nur Symptome sein können. Diese können genauso behandelt werden wie ein Beinbruch oder eine Erkältung, vom jeweiligen Fachpersonal. Sicher, je nachdem mal etwas leichter, oder auch etwas schwieriger. Das muss individuell zugeschnitten werden, denn auch Bipolare Störung ist nicht bei allen gleich. Das ist so individuell wie ein Fingerabdruck. Einige „Rillenformen“ sind zwar allen gemein, aber die Nuancen sind unterschiedlich. Aber die Symptome an sich können behandelt werden. Insbesondere bei Bipolarer Störung ist ein Abstellen von Symptomen gut möglich, denn es handelt sich um eine neurobiologische Erkrankung des Gehirns. Sprich, eine Pharmakotherapie kann durcheinander geratene Botenstoffe im Kopf regulieren und damit die Gesundheit stabilisieren, eine Balance schaffen. Entscheidend ist, Du musst erkennen: Psychisch krank ist voll normal. Es gehört zum Leben dazu, dass Menschen krank werden und man damit umgehen muss und kann. Und es kann jede*n treffen, auch Dich. Hast Du das für Dich klar, dann kannst Du auf die betroffene Person zugehen, denn dann hast Du keine eigene innere Barriere mehr, die Dein gegenüber wohl bemerken würde.

Höre zu, aktiv zu

Höre zu, wenn Du feststellst, dass etwas nicht stimmt mit der betroffenen Person. Höre genau zu. Lass die Person erzählen, wie sich die Probleme für sie darstellen. Wenn sie sich im Job überfordert fühlt. Oder eine Trennung hinter sich hat. Oder schlaflos ist. Hypersexuell oder ständig gereizt und ungeduldig. Stelle auch klärende Fragen, wenn Dir Symptombeschreibungen nichts sagen. Versuche die Komplexität zu erfassen, indem Du intensiver nachhakst und der Person das Gefühl vermittelst, dass Du ernsthaft an einer Änderung der Situation interessiert bist. Frage hierzu intensiver nach. Versuche dabei dem Impuls zu widerstehen zu antworten und Floskeln á la „Das wird schon wieder!“ rauszuhauen. Biete keine Lösungen an, und bagatellisiere die Probleme nicht. Frage stattdessen gezielt nach Lösungen. Mit Fragen wie: „Was glaubst Du, kannst Du dagegen tun?“, „Wie können wir dagegen angehen?“, „Wo denkst Du, kann hier Hilfe besorgt werden?“, „Was ist dein Plan?“, „Wie ist die konkrete Zeitschiene des Plans?“. Die Fragen dienen dazu, dass sich die/der Betroffene die Antworten selbst suchen muss und sich reflektiert. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie von sich aus erkennt, dass jemand anderes, jemand mit entsprechender Qualifikation hilft, ist damit höher.

Langsam zur Lösung  „Hilfe Professioneller in Anspruch nehmen“ vortasten

Die betroffene Person wird schnell erkennen, dass sie mehr, als nur Dich braucht, um das Problem zu lösen. Teile mit, dass die Lösung des Problems Deine Fähigkeiten übersteigt. Sage, dass Dir das „eine Nummer zu groß ist, dass Dir die Qualifikation fehlt. In etwa so: „Ich schätze Dich sehr, würde Dir gerne helfen, dafür bin ich aber nicht kompetent genug. Ich denke, da sollten wir uns professionelle Hilfe suchen.“ Sage nicht: „Du brauchst professionelle Hilfe“, binde Dich lieber selbst mit ein. Das kommt nicht so sehr wie ein Vorwurf rüber und zeigt, dass Du die Person wertschätzt, weil Du Dich mit ihr in einem Boot siehst. Vermutlich wird dann die Frage gestellt, was das sein kann und wie die Hilfe aussehen kann. Biete dann an, dass du Deine Meinung mitteilen kannst, sage die aber nicht direkt, frage erst nach, ob Du sie mitteilen kannst. Etwa so: „Willst Du hören, was ich empfehlen würde?“ Warte die Antwort ab, bevor Du etwas sagst. Wenn die Person grünes Licht gib, dann sage, dass Du denkst, dass der Gang zu einer Fachärztin/einem Facharzt hilfreich sein könnte und begründe, weshalb, um mögliche Angst zu nehmen. Biete auch an, dass Du die Person begleitest. Stelle das auch so dar, dass dies die normalste Sache der Welt ist. Vielleicht mit einem Vergleich zu einer anderen Problematik. À la: „Wenn Dein Auto Zicken macht, dann fährst Du es in die Werkstatt.“ Sollte die Person verneinen, dann sage dennoch Deine Meinung, sie wird diese nun nicht gleich ablehnen, denn Du hattest zuvor angekündigt, dass Du eine hast. Teile das wertschätzend mit. Vielleicht erklärst Du auch, dass ein Psychiater/eine Psychiaterin eigentlich ein ganz normaler Arzt/eine ganz normale Ärztin ist, genauso studiert hat wie die Hausärztin/der Hausarzt auch, mit anschließender zusätzlichen fachlichen Ausbildung zum Psychiater/zur Psychiaterin, on top oben drauf. Oder Du erläuterst, was ein Therapeut, eine Therapeuthin für eine Ausbildung hat, je nachdem. Das hilft oft bei Betroffenen, die Vorurteile beispielsweise gegen Psychiater*innen haben, weil sie die für „Sandalen-Quassler*innen“ halten oder für „Couch-Idiot*innen“, wohingegen sie „echten“ Ärzt*innen die Kompetenz nicht absprechen.

Eigene Erfahrungen darstellen

Solltest Du selbst schon positive Erfahrung mit einer Therapie, gleich welcher Art, gemacht haben, dann stelle das so plastisch wie möglich und so motivierend wie Du nur kannst dar. Das kann anregen, dass die betroffene Person dies noch besser annehmen kann. Denn Menschen reagieren oft auf Empfehlungen anderer, ihnen nahe stehenden Personen. Weil sie dahinter Positives vermuten. Das kann helfen. Sehr sogar. Wenn Du dann noch mitteilst, dass wir alle von Zeit zu Zeit Hilfe benötigen und dass dies ganz normal ist, dann wird das wahrscheinlich auch einen Eindruck hinterlassen. „Selbst Welt-Profi-Sportler brauchen einen Trainer, der hilft das Beste aus einem herauszukitzeln und vorübergehende Tiefs zu entschärfen!“ ist ein Vergleich, den mir jemand empfohlen hat.

Während (Hypo-)Manie ist Erfolg unwahrscheinlich

Beachte, dass Betroffene während einer Hypomanie oder Manie oft keine Krankeneinsichtigkeit haben. Sie fühlen sich schließlich gut. Warte also eine Depression ab oder die Phase, in der die Person euthym (ohne Krankheitsepisode) ist.

Gesamtpaket entscheidend

So müsste es dann insgesamt klappen, mit dem Paket: Viel Zuhören, ein paar Fragen, einer sanften Empfehlung und Deiner eigenen Geschichte und der Begründung, weshalb Du es gut findest Hilfe aufzusuchen.


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Über Flo 92 Artikel
Flo ist gebürtiger Münchner und nach wie vor in der Isarmetropole "dahoam". Mit 38 Jahren wurde bei ihm die Diagnose "Bipolare Affektive Störung" gestellt. Als "manisch-depressiver" hat er in den letzten zwei Jahrzehnten zahlreiche Episoden erlebt, konnte diese jedoch undiagnostiziert und in Unwissenheit der verschiedenen Symptome zum Störungsbild bis zum Tag der "Entdeckung" nie wirklich einer Krankheit zuordnen. Komische Verhaltensweisen konnte er sich daher nicht erklären und verdrängte diese. Der Ahnung, dass was nicht stimmen könnte, wich er im Alltag wegen dieser Unwissenheit somit stets aus. Und so blieb lange Zeit unentdeckt, was längst entdeckt hätte werden sollen. Heute ist Flo in Behandlung und er hat damit die Chance auf ein episoden- und damit symptomfreies Leben. Er ist nicht nur Betroffener, sondern auch Angehöriger. Mehrere Familienmitglieder sind von bipolarer Affektiver Störung betroffen. Die Erfahrungen und das Wissen das er nun im Umgang mit der Krankheit und im Austausch mit anderen Betroffenen erwirbt und erworben hat teilt er nun in diesem Blog. Damit das Wissen um diese Störung in unserer Gesellschaft mehr Zuspruch finden kann. Für die Entstigmatisierung von Betroffenen. Und es soll anderen helfen sich schneller zurecht zu finden. Betroffenen und Angehörigen. Denn je umfangreicher ein Wissen um Bipolare Affektive Störung jeweils ist, desto besser kann gegen Störungsepisoden angegangen bzw. diesen vorgebeugt werden. Von Betroffenen und auch von Angehörigen.

1 Kommentar

  1. Der Text ist echt aufschlussreich.

    Es ist manchmal schwer etwas zu sagen, da man die Person, die einem am Herzen liegt, nicht verletzen will mit seiner Vermutung.

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