Unsichtbare Schranke im Kopf – Wenn nichts mehr geht.

In einem der letzten Beiträge schrieb ich über 50 Sätze zu dem, was Betroffene während einer Depression nicht (mehr) hören wollen, bzw. man ihnen nicht entgegnen sollte, da es für sie kränkend ist. Einige dieser Sätze kenne auch ich nur zu gut, denn ich habe sie oft genug gehört. Insbesondere Sätze die darauf abzielten, mir zu unterstellen, dass ich „faul“ wäre, unzuverlässig oder einfach nur ein Pascha, der sich bedienen lassen will. Solche Sätze taten stets weh, sie kränkten mich, sehr sogar. Vielleicht waren sie aber auch nur Ausdruck der eigenen Hilflosigkeit mit mir in solchen Episoden umzugehen? Ein Freund hat mir gesagt, ich soll einen Artikel darüber schreiben, was da in mir vor geht, wenn ich so „antriebslos“ bin – wie das genau aussieht, damit er sich mehr darunter vorstellen kann. Sein Wunsch ist mir Empfehlung und dieser Bitte komme ich hiermit gerne nach.

Auch wenn es schwer ist das zu erklären, so will ich es versuchen. Ich empfinde das so, als läge auf mir eine tonnenschwere Last. Viele Dinge, die ich tagsüber tun möchte, auch einfachste Sachen, kann ich einfach nicht tun. Wegen dieser unsichtbaren Schranke im Kopf. Dieser scheinbar unüberwindbaren Barriere im Gehirn, es handelt sich schließlich auch um eine neurobiologische Hirnerkrankung. Immer wenn ich jemandem mir nahe Stehendem das sagte, ich kann das jetzt nicht machen, es geht nicht, wurde ich oft ungläubig, teils verächtlich angesehen. Teils aber auch hilflos. Insbesondere, solange ich noch nicht diagnostiziert war, war das noch viel schlimmer für mich, denn ich wusste auch selbst nicht genau, was mit mir los war.

Die Bipolare Störung kann mir bei allem was ich tun will hinderlich sein. Die Trägheit, Antriebslosigkeit und die Apathie einer bipolaren Depressions-Episode hindert mich beispielsweise auch schon bei Haushaltsdingen. Wäschewaschen, Abwasch, Staubsaugen. Alles Dinge die einfach sein sollten, sie gelingen einfach nicht. Einfachste Texte für die Arbeit schreiben wird auf die lange Bank geschoben, Treffen mit Freunden abgesagt oder gar nicht erst vereinbart. Das Rangehen ans Telefon kann zu einem schier unüberwindlichen Akt werden. Das Symptom „Antriebslosigkeit“ der Störung kann so viel zerstören. Denn wenn ich beispielsweise nicht ans Telefon gehe, dann kann das in der Arbeit Folgen haben. Oder wenn ich wegen des Symptoms der „Angst“ bspw. vor Überforderung meine Mailbox nicht abhöre oder Post nicht öffne. Kaum ein Lebensbereich der davon nicht negativ betroffen wäre.

Betroffene kennen dieses Phänomen nur all zu gut. Es ist nicht so, dass ich keine Zeit an sich habe. Es ist nicht so, dass ich nicht die physischen Mittel habe. Oder nicht die Intelligenz. Es ist die Bipolare Affektive Störung, die einen nicht sichtbare bleiernen Ring um mich gelegt hat und mir aufzwingt, dass ich nichts tun kann. Ich habe nicht die geistige Kraft, um etwas zu tun. Ich habe keine Motivation, etwas zu tun. Ich interessiere mich nicht genug für irgendetwas, kann mich nicht aufraffen, nicht begeistern. Mir ist klar, dass sich das für Nicht-Betroffene unglaubhaft anhört, dass eine Krankheit, die als episodische Stimmungsstörung bekannt ist, all diese Dinge verursacht, aber sie tut es. Sie tut es oft. Ich bin in jeder Depressionsepisode von dieser Barriere betroffen. Die kann ich zwar nicht sehen, dafür ist sie umso präsenter. In diesen Momenten ist mir das seit meiner Diagnose auch stets bewusst – es ist so, dass ich das intellektuell voll erfasse. Das frustriert mich noch viel mehr dabei. Zu wissen und nichts tun zu können. Das fühlt sich schlimm an. Klar, die Konter-Medikamente nehmen kann ich. Aber auch dann dauert es eine Weile, bis ich in der Lage bin wieder Antrieb zu entwickeln. Es kostet Zeit, bis ich wieder Kraft habe mich ins Leben einzubringen. Das bleierne Kettenhemd abzulegen fällt schwer. Oft sogar.

Ich hoffe, dass ich damit ein wenig beschreiben konnte, wie sich das anfühlt. Wenn nicht gut genug, können Betroffene mich über die Kommentarfunktion ergänzen. Gerne. Zu sagen ist vielleicht noch, dass es in solchen Momenten, in einer Episode, nicht so ist, dass ich nicht will, sondern, dass ich tatsächlich nicht kann. Und das hat nichts mit meinem Charakter zu tun, das ist Symptom meiner Störung. Von einem Rollstuhlfahrer/einer Rollstuhlfahrerin würde man nicht erwarten, dass er/sie Dinge im obersten Regal erreicht, weil es nicht geht. Ich hingegen werde oft aufgefordert ohne Beine noch höher zu springen, als das Regal überhaupt ist. Es wäre einfach, wenn ich dann stehen könnte, das kann ich aber oft nicht. Nur weil man das nicht sehen kann, ist es dennoch real. Es ist die Störung die das verursacht. wie gut, dass Episoden auch ein Ende haben. Denn im remittierten, normalen Zustand kann ich stehen und springe auch gerne höher, als das Regal ist.


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Über Flo 76 Artikel
Flo ist gebürtiger Münchner und nach wie vor in der Isarmetropole "dahoam". Mit 38 Jahren wurde bei ihm die Diagnose "Bipolare Affektive Störung" gestellt. Als "manisch-depressiver" hat er in den letzten zwei Jahrzehnten zahlreiche Episoden erlebt, konnte diese jedoch undiagnostiziert und in Unwissenheit der verschiedenen Symptome zum Störungsbild bis zum Tag der "Entdeckung" nie wirklich einer Krankheit zuordnen. Komische Verhaltensweisen konnte er sich daher nicht erklären und verdrängte diese. Der Ahnung, dass was nicht stimmen könnte, wich er im Alltag wegen dieser Unwissenheit somit stets aus. Und so blieb lange Zeit unentdeckt, was längst entdeckt hätte werden sollen. Heute ist Flo in Behandlung und er hat damit die Chance auf ein episoden- und damit symptomfreies Leben. Er ist nicht nur Betroffener, sondern auch Angehöriger. Mehrere Familienmitglieder sind von bipolarer Affektiver Störung betroffen. Die Erfahrungen und das Wissen das er nun im Umgang mit der Krankheit und im Austausch mit anderen Betroffenen erwirbt und erworben hat teilt er nun in diesem Blog. Damit das Wissen um diese Störung in unserer Gesellschaft mehr Zuspruch finden kann. Für die Entstigmatisierung von Betroffenen. Und es soll anderen helfen sich schneller zurecht zu finden. Betroffenen und Angehörigen. Denn je umfangreicher ein Wissen um Bipolare Affektive Störung jeweils ist, desto besser kann gegen Störungsepisoden angegangen bzw. diesen vorgebeugt werden. Von Betroffenen und auch von Angehörigen.

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