Sekundärer Krankheitsgewinn

Die Frage „was ist mein sekundärer Krankheitsgewinn?“ erfordert eine gehörige Portion Mut und Fähigkeit zur Selbstkritik.

Die Überlegung ist, was erreiche ich durch die Krankheit, was gewinne ich, welche Reaktionen anderer fordere ich heraus, die ich vielleicht durch gesundes Verhalten nicht erreiche.

Zum Beispiel, ich wünsche mir die Aufmerksamkeit meiner Mitmenschen. Durch eine Depression kann ich die Fürsorge anderer erzwingen. Da gibt es u. U. ein Defizit aus meiner Kindheit, deshalb reicht mir die normale Zuwendung meiner Umgebung nicht aus. Indem ich eine Depression entwickle, möchte ich dieses Defizit füllen. Da ich in der Kindheit Aufmerksamkeit nicht durch gesunde Verhaltensweisen Liebe bekommen habe, versuche ich es heute immer noch mit ungesundem Verhalten.

In der Hypomanie erzwinge ich Anerkennung für meine Leistungen. Auch diese wurde mir vielleicht in der Kindheit versagt. Durch übertriebene, grandiose Handlungen möchte ich mich in den Mittelpunkt rücken. Je weniger Aufmerksamkeit, Lob und Zuspruch ich früher erhalten habe, desto abgehobener werden meine Aktionen. Die eigene Kreativität und Leistungsfähigkeit wird überhöht und letztendlich erreiche ich das Gegenteil meines Wunsches, nämlich Ablehnung.

Wenn ich diese alten Muster immer wieder bediene, gebe ich der Krankheit weiterhin Raum. In einer Therapie ist es möglich, diesen Kreislauf zu durchbrechen, indem ich alte Defizite aufdecke, bearbeite und heile.

Natürlich gibt es auch einen echten Krankheitsgewinn. Ich kann andere Menschen besser verstehen und einschätzen. Wenig Menschliches ist mir fremd. Ich habe durch Therapien oder Aufenthalte in psychosomatischen Kliniken gelernt, mein eigenes Verhalten einzuschätzen, also echtes Selbstbewusstsein im Sinne von „ich bin mir meiner bewusst“ und damit auch Selbstsicherheit zu erlangen.

Noch keine Stimmen.
Bitte warten...

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*