Ruhelosigkeit – Was meint das? Wie dagegen angehen?

Motiv: Spielplatz und Weg auf dem Olympiaberg im Münchner Olympiapark Foto: Florian Pollok

Reizbar, impulsiv, unruhig. „Meine ruhelose Seele“ heißt der Titel einer erfolgreichen bipolaren US-Autorin. Wie beschreibt man einer/einem Nichterkrankten die Ruhelosigkeit?

Stress auf der Arbeit oder Ärger in der Partnerschaft/Ehe, in einer Beziehung– Ruhelosigkeit kann vielfältige Ursachen haben. Die chronische Anspannung wirkt sich jedoch so gut wie immer auf das eigene private und berufliche Leben aus. Betroffene werden gereizter und dünnhäutiger, was zu schnelleren Streitigkeiten und Auseinandersetzungen führt. Die Konzentration nimmt ab, es fällt schwerer Aufgaben zu erledigen, man wird noch dünnhäutiger, noch ruheloser ob der unerledigten Aufgaben. Eine Abwärtsspirale setzt ein. Ich kenne mittlerweile einige Betroffene, die wie ich einen „Helmschmerz“ im Kopf und ein Drücken auf der Brust als körperliche Symptome zur inneren Rastlosigkeit beschreiben. ein Gefühl des Getrieben- oder Gehetztseins beschreibt es ganz gut.

Dauerhafte Ruhelosigkeit ist ungesund. Niemand sollte einem solchen Zustand längere Zeit ausgesetzt sein. Auch nicht das Umfeld.

Bei jedem/jeder zeigt sich dies ein wenig anders. In der Regel ist es aber Allen gemein, dass ein Gefühl vorherrscht, bei dem einem dann oft das Tempo von gesunden Menschen zu langsam erscheint, Ungeduld gegenüber dem eigenen Umfeld vorherrscht. Man möchte keinen Stillstand. Ist immer am Planen und Machen. Am Planen der Zukunft und gleichzeitig Gestalten der Gegenwart. Wie ein*e Getriebene*r. Es fällt schwer mal abzuschalten, sich auf den Augenblick zu konzentrieren. Den Moment zu genießen. Für Angehörige oft unverständlich. Man will Zeit am See mit seinen Lieben verbringen und der Rastlose will, kaum angekommen, schon wieder weg, weil noch was anderes zu tun ist. Oder ein gemeinsamer Filmabend wird zur Farce, weil Gedankenrasen und Grübeln den Rastlosen nicht stillhalten lassen. Der wenige Schlaf, den Betroffene oftmals Angehörigen mitaufzwängen, weil man „Ideen“ nachts diskutiert, gehört ebenso ins Bild.

Jemand hat mir gesagt, dass man einem „Normalen“ das so beschreiben kann: >>Es ist wie „Nervössein“, wobei das hundert mal intensiver ist.<<

Bei Bipolaren kommen solche rastlosen, ruhelosen Phasen während Hypomanien und schlimmere Impulsivität während Manien auf.

Was aber tun dagegen?

  • Phasenprophylaxe nehmen. Da die Bipolare Affektive Störung einen neurobiologischen Ursprung hat, ist unbedingt zu beachten, die ausgleichenden Medikamente zu nehmen, die dafür Sorgen, dass die Stimmung stabil bleibt. Also gar nicht erst eine größere Unruhe aufkommt.
  • Ausreichend Schlaf. Ruhelosigkeit und Schlafstörungen gehen oft Hand in Hand zusammen. Insbesondere, wenn man Probleme im Neurotransmitterhaushalt hat. Um gegen die Ruhelosigkeit anzugehen ist es für Bipolare wichtig unbedingt einen gesunden Tag-Nacht-Rhythmus und feste Schlafzeiten mit möglichst wenig Abweichungen und ausreichend erholsamen Schlaf zu haben. Die Schlafumgebung sollte hier unterstützend beitragen.
  • Stress abbauen und bewältigen. Wie mit Stress umgegangen werden kann ist ein ganz eigenes Kapitel. Aber wenn ich weiß, was meine wiederkehrenden Stressoren sind, dann kann ich diese auch angehen und versuchen sie abzuschalten. Hier helfen auch Therapie und Verhaltenstrainings.
  • Lebensweise überdenken. Alkohol bis zum Abwinken, Fast Food und Nikotin. Berauschende Parties und auf ständige Erreichbarkeit. Viele Dinge tragen dazu bei, dass Unruhe aufkommt. Reflektiere was es bei Dir ist und sieh zu, wie Du das ändern kannst. Sport, Spaziergänge und andere Tätigkeiten helfen im Hier und jetzt zu verweilen.
  • Arzt/Ärztin oder Therapeut*in kontaktieren. Wenn die Ruhe- und Rastlosigkeit lange anhält und Dich stark belastet, solltest Du eine*n Arzt/Ärztin oder Therapeut*in aufsuchen. Womöglich hängt die Ruhelosigkeit auch mit einem größeren psychischen oder körperlichen Problem zusammen.
  • Unterstützer*innen suchen: Geteiltes Leid ist halbes Leid, gemeinsam ist man weniger allein. Wenn Du Dich einer Person Deines Vertrauens öffnest, kann das für Erleichterung sorgen. Auch wenn sich die Probleme nicht sofort lösen lassen, tut es gut, sie sich von der Seele zu reden. Wenn Du lieber nicht mit Freunden oder Familienangehörigen über Deine Ruhelosigkeit sprechen willst, kannst Du Dich auch Unbekannten anvertrauen, zum Beispiel im Rahmen einer Selbsthilfegruppe.

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Über Flo 76 Artikel
Flo ist gebürtiger Münchner und nach wie vor in der Isarmetropole "dahoam". Mit 38 Jahren wurde bei ihm die Diagnose "Bipolare Affektive Störung" gestellt. Als "manisch-depressiver" hat er in den letzten zwei Jahrzehnten zahlreiche Episoden erlebt, konnte diese jedoch undiagnostiziert und in Unwissenheit der verschiedenen Symptome zum Störungsbild bis zum Tag der "Entdeckung" nie wirklich einer Krankheit zuordnen. Komische Verhaltensweisen konnte er sich daher nicht erklären und verdrängte diese. Der Ahnung, dass was nicht stimmen könnte, wich er im Alltag wegen dieser Unwissenheit somit stets aus. Und so blieb lange Zeit unentdeckt, was längst entdeckt hätte werden sollen. Heute ist Flo in Behandlung und er hat damit die Chance auf ein episoden- und damit symptomfreies Leben. Er ist nicht nur Betroffener, sondern auch Angehöriger. Mehrere Familienmitglieder sind von bipolarer Affektiver Störung betroffen. Die Erfahrungen und das Wissen das er nun im Umgang mit der Krankheit und im Austausch mit anderen Betroffenen erwirbt und erworben hat teilt er nun in diesem Blog. Damit das Wissen um diese Störung in unserer Gesellschaft mehr Zuspruch finden kann. Für die Entstigmatisierung von Betroffenen. Und es soll anderen helfen sich schneller zurecht zu finden. Betroffenen und Angehörigen. Denn je umfangreicher ein Wissen um Bipolare Affektive Störung jeweils ist, desto besser kann gegen Störungsepisoden angegangen bzw. diesen vorgebeugt werden. Von Betroffenen und auch von Angehörigen.

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