Promi vorgestellt: Vincent van Gogh

Menschen mit Bipolarer Affektiver Störung wird nachgesagt, dass sie besonders kreativ sind. Künstler*innen, Medienschaffende, Schauspieler*innen, Musiker*innen. Zahlreiche Beispiele belegen, dass das so ist. Kein Wunder, so sind „Ideenflut“, der „Tatendrang“ bzw. „Schaffensrausch“ in einer Manie oder Hypomanie ausgezeichnete Treiber um besondere „Werke“ hervorzubringen. Wir wollen in dieser Rubrik jeweils eine*n Prominente*n, bei der/dem die Bipolare Affektive Störung als gesichert gilt, vorstellen. Menschen deren Schaffen wir bewundern. Menschen wie Du und ich.

Die Sternennacht (Museum of Modern Art New York)

Beginnen wollen wir mit Vincent van Gogh.

Warum? Irgendwo müssen wir anfangen. Wieso also nicht bei dem Promi, dessen Wiegenfest für Bipolare Affektive Störung eine besondere Bedeutung hat?!? Zum Jahrestag seines Geburtstages ist der „Welt Bipolar Tag“ festgelegt worden. Am 30. März. An diesem Tag findet seit 2013 alljährlich der „Welt Bipolar Tag“ statt. Vincent van Gogh wurde posthum eine Bipolare Störung zugeschrieben. Van Gogh wurde am 30. März 1853 in Groot-Zundert bei Breda, in den Niederlanden geboren. Er hatte mehrere Geschwister, wobei Theo, ein jüngerer Bruder ihm am Nächsten stand. Ab 1880 kam Theo für Vincents Lebensunterhalt auf. Im Gegenzug erhielt er einen Großteil von Vincents Gemälden für seine Kunsthandlung in Paris. Theo hielt Vincent großzügig aus, dennoch war Vincent ständig finanziell klamm. Es wurde von Zeitgenoss*innen berichtet, dass er permanent Bedürftige beschenkte und das Geld verprasste. Durch die zahlreichen Briefe die er und Theo sich seit 1872 schrieben sind viele Stimmungs-Episoden von Vincent van Gogh überliefert. Sie geben tiefe Einblicke in die Gefühlslagen des Begründers der modernen Malerei.

Gegen 1880 zog der Autodidakt nach Brüssel um mit Künstlern und Malern in Kontakt zu kommen. Über die Malerei tauschte er sich mit Anthon van Rappard aus. Auch von ihm und van Gogh sind zahlreiche Briefe überliefert die vermitteln, was ihm auf der Seele brannte. Er zeichnete während seines Selbststudiums nach Lehrbüchern und malte Gemälde nach die ihm gefielen. Bereits im April 1881 verließ er Brüssel wieder, kehrte in sein Elternhaus zurück und verließ dieses, weil er sich mit seiner Familie verkrachte nach Weihnachten 1881 wieder, Richtung Den Haag. Dort hatte er eine Liaison mit einer Gelegenheitssexarbeiterin, was seinem Lehrer Mauve neben künstlerischen Auseinandersetzungen missfiel. 1883 trennte er sich von Clasina Hoornik (Model Sien in der Zeichnung „Kummer“) und hatte von da an Gelegenheitssex mit freizügigen Frauen oder günstigen Sexarbeiterinnen. Er widmete sich von da an hauptsächlich der Malerei. Mit längerem Aufenthalt in Nuenen, wo seine Eltern hinzogen, die ihn auch widerwillig wieder aufnahmen zog er nach dem Tod seines Vaters Ende 1885  in die nächstegelegene Künstlerstadt Antwerpen. Dort aß er kaum, auch aus Geldmangel, denn er gab das Geld lieber für Malereibedarf aus. In der Kunstakademie, wo er kostenfrei leben durfte und Modells zum Malen zur Verfügung standen, beschrieben ihn Mitstudenten als Sonderling und Aussenseiter. Im März 1886 fuhr er in den Ferien zu seinem Bruder Theo, dieser lebte in Paris, dem damaligen Kunstzentrum. In den zwei Jahren, die er bei seinem Bruder blieb, gab es immer wieder Streit. Nicht nur mit ihm, sondern auch mit anderen Künstlern auf die van Gogh stieß. Das Großstadtleben war ihm auch zu hektisch.

12 Sonnenblumen in einer Vase (Neue Pinakothek, München)

Vincent van Gogh wollte Ruhe finden und der Hektik entkommen. So zog er 1888 nach Südfrankreich nach Arles. In den Briefen an seinen

Bruder schrieb er, wie zerrissen er zu diesem Zeitpunkt war. Für Südfrankreich entschied er sich, weil er die blauen Töne und die heiteren Farben in seiner Malerei einfangen wollte. auch die Wärme tat ihm gut. Er wollte dort eine Künstlerwohngemeinschaft gründen. Doch viele folgten seiner Idee eines Ateliers des Südens nicht. Paul Gaugin folgte seinem Lockruf. In dieser Zeit in Arles entstanden seine berühmtesten Bilder, wie die „Sonnenblumenbilder“. Er wollte damit die Räume schmücken. Eines dieser Bilder („12 Sonnenblumen in einer Vase“) ist heute in München in der Neuen Pinakothek zu finden. Er stellte in seiner zeit in Arles die Eindrücke der Natur, wie die Leuchtkraft der Sonne, die Bedrohlichkeit der Wolken, Felder, Bäume in eindrucksvoller Weise dar. Die Gewalten der Natur. Die auf ihn gleichermaßen beruhigend wie beunruhigend wirkten.

Van Gogh verbrachte schließlich ab Mai 1889 auf eigenen Wunsch hin für ca. 1 Jahr in der psychiatrischen Klinik Saint-Paul-de-Mausole in Saint-Rémy. Dort entstanden viele seiner bekanntesten Werke. So zum Beispiel „Die Sternennacht“ und „Weizenfeld mit Zypressen“. Van Gogh ging freiwillig in die Klinik, nachdem er sich nach einem Streit mit seinem Künstlerfreund Paul Gauguin am 23. Dezember 1888 einen Teil seines linken Ohres Abschnitt und da bereits nach Meldung von Nachbarn in eine Klinik eingeliefert wurde. Hier muss ihm klar geworden sein, dass seine Stimmungstiefs und seine Stimmungshochs unberechenbar waren. Das Malen und Zeichnen in der Natur von Saint-Rémy, die im Umfeld der Klinik nahezu zum Abbilden einlud, verschaffte dem Künstler vorübergehend seelische Zufriedenheit.  Gerade die Bilder die van Gogh in seiner Zeit dort mit seinem typischen Stil (kurze kleine Striche in Farben nebeneinander gesetzt und in Wellenlinien und Spiralen angeordnet) malte geben Einblick in seine seelische Verfassung. So im Bild „Der Irrenhausgarten in Saint-Rémy“.

Am 29. Juli 1890 stirbt van Gogh, nachdem er zwei Tage zuvor auf sich selbst geschossen hatte. Die Gründe des Schusses auf sich selbst sind bis heute nicht gänzlich geklärt.


„Portrait des Dr. Gachet“ (zweite Version 1890) – Dr. Paul Gachet, Psychiater von Vincent van Gogh. Die erste Version wurde Ende der 1990er für 82,5 Millionen Dollar verkauft und galt damals als teuerstes Bild der Welt.

Dr. Paul-Ferdinand Gachet, Arzt von Vincent van Gogh

Van Gogh war bis zuletzt wegen seiner Bipolaren Affektiven Störung in Behandlung. Dr. Paul-Ferdinand Gachet war die letzten 10 Monate und vor allem während der letzten Wochen im Leben von Vincent van Gogh in Auvers-sur-Oise sein betreuender Arzt. Als Arzt setzte er sich für die Einnahme von homöopathischen Heilmitteln ein. Er las auch aus Händen. Theo van Gogh, der Bruder von Vincent van Gogh vermittelte diesen an Vincent weiter, er hielt ihn für geeignet seinen Bruder zu behandeln. Vincent van Gogh bezweifelte aber schon kurz nach dem Kennenlernen, dass dieser ihm helfen könne. Vincent van Gogh hörte nicht auf den Rat des Arztes, stattdessen machte er dessen Tochter, Clémentine Elisa Marguerite Gachet, den Hof, sie hatten eine Affäre, was Paul Gachet mehr als missfiel. Im Mai und Juni 1890 malte van Gogh „Marguerite“. Paul Gachet musste sich nach van Goghs Selbstmord viel Kritik gefallen lassen, weil er diesen nicht verhindern hatte können. Dies wäre wohl niemandem gelungen. Zeitgenossen gaben ihm dennoch die Schuld. Van Gogh sagte jedoch der Polizei: “Mein Körper gehört mir und ich bin frei, damit zu tun, was ich will. Beschuldige niemanden, ich bin es, der Selbstmord begehen wollte.”

Vincent van Gogh portraitierte Paul-Ferdinand Gachet zweimal, eine Radierung von ihm fertigte er auch an. Gachet malte selbst, hatte einen großen Kunstsinn. Seine Bilder signierte er als „Paul van Ryssel“, Ryssel war der Geburtsort von Paul Gachet. In Briefen an seinen Bruder schrieb Vincent zerrissen über Gachet: “Ich habe in ihm einen kompletten Freund gefunden, sogar so etwas wie einen neuen Bruder” und “Ich denke, dass wir überhaupt nicht auf Dr. Gachet zählen dürfen. Erstens ist er kränker als ich…. Wenn ein blinder Mann einen anderen blinden Mann führt, fallen dann nicht beide in den Graben?”


Loving Vincent ist ein erst kürzlich erschienener Film van Gogh zu Ehren. Das besondere an dem Film ist seine Bildsprache. Diese entspricht dem Malstil des Künstlers. Die Handlung ist seine Biografie. Einmalig in der deutschen Kinogeschichte. Infos zum Film: http://www.lovingvincent-film.de/.


Die Briefe von Vincent van Gogh, sie geben Einblick in seine Stimmungen, für Interessierte: http://www.vangoghletters.org/vg/letters.html


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Über Flo 76 Artikel
Flo ist gebürtiger Münchner und nach wie vor in der Isarmetropole "dahoam". Mit 38 Jahren wurde bei ihm die Diagnose "Bipolare Affektive Störung" gestellt. Als "manisch-depressiver" hat er in den letzten zwei Jahrzehnten zahlreiche Episoden erlebt, konnte diese jedoch undiagnostiziert und in Unwissenheit der verschiedenen Symptome zum Störungsbild bis zum Tag der "Entdeckung" nie wirklich einer Krankheit zuordnen. Komische Verhaltensweisen konnte er sich daher nicht erklären und verdrängte diese. Der Ahnung, dass was nicht stimmen könnte, wich er im Alltag wegen dieser Unwissenheit somit stets aus. Und so blieb lange Zeit unentdeckt, was längst entdeckt hätte werden sollen. Heute ist Flo in Behandlung und er hat damit die Chance auf ein episoden- und damit symptomfreies Leben. Er ist nicht nur Betroffener, sondern auch Angehöriger. Mehrere Familienmitglieder sind von bipolarer Affektiver Störung betroffen. Die Erfahrungen und das Wissen das er nun im Umgang mit der Krankheit und im Austausch mit anderen Betroffenen erwirbt und erworben hat teilt er nun in diesem Blog. Damit das Wissen um diese Störung in unserer Gesellschaft mehr Zuspruch finden kann. Für die Entstigmatisierung von Betroffenen. Und es soll anderen helfen sich schneller zurecht zu finden. Betroffenen und Angehörigen. Denn je umfangreicher ein Wissen um Bipolare Affektive Störung jeweils ist, desto besser kann gegen Störungsepisoden angegangen bzw. diesen vorgebeugt werden. Von Betroffenen und auch von Angehörigen.

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