Kafka und die Rentenversicherung

„Also bei Ihnen gibt es so viele Vorgänge, da weiß ich gar nicht, wohin ich Sie verbinden soll.“ Ich atme tief ein, nachdem ich eine halbe Stunde die Hotline der Rentenversicherung angerufen habe und wieder am Ende vor einer Mauer stehe. Im Hintergrund höre ich eine andere Sachbearbeiterin etwas Ähnliches zu einer „Kundin“ sagen. Meine Psychotherapeutin hat mich beruhigt, die „Verwaltungsmethoden der Rentenversicherung aus dem 3. Reich“ würden nicht nur bei mir angewendet. So gehe es jedem, der versuche nur 20 Euro aus dem SYSTEM zu bekommen. Das System kommt mir vor wie der Prozess von Kafka. Ich fühle mich irgendwie angeklagt, weil nichts vorwärts geht. Der Rentenversicherung ist mein finanzieller Unterdruck herzlich egal. Das SYSTEM verwaltet mich auf seine eigene planierraupenmäßige Art und Weise. Wieder darf ich einen Fragebogen ausfüllen. Und einen Beratungstermin in 6 Wochen wahrnehmen. Dass es eine sofortige Entscheidung braucht, weil ich sonst ohne Geld dastehe, ist ohne Belang. Ich fühle mich ohnmächtig in diesem Prozess. Wenn es mir besser gehen würde, würde ich alles als eine absurde Theateraufführung sehen und lachen. Aber mir geht es nicht besonders gut. Ich würde gerne dem SYSTEM den Schädel einschlagen. Aber wem genau? Der armen Sachbearbeiterin in der Hotline? Meinem Gutachter? Wer ist das SYSTEM? Es ist ein dunkles Monster, das nicht greifbar ist. Richtet dieses Monster im Hintergrund über mich? Wird es mit seinen Tentakeln an meinen Energiereserven saugen, bis diese leer sind? Bis ich dann komplett aus dem System aussteige oder mich willenlos der Verwaltungsmaschinerie hingebe?

Ich entscheide mich für spielerische Geduld. Ich bitte die Versicherung jedes Mal, wenn ich mit dem Ergebnis nicht zufrieden bin, meinen „Fall erneut zu prüfen“. In Lichtgeschwindigkeit rasen meine Akten von einer Abteilung in die nächste. Ich stelle mich darauf ein, dass es ein halbes Jahr dauern wird und nerve die Rentenversicherung zurück. Ich meditiere vor den Prozessmauern und singe ein Lied. Ich weiß, dass es die Sachbearbeiterin hinter verschlossenen Türen hört und dass sie auch das Fenster schließen muss, weil es sie tödlich nervt. Ich fokussiere mich auf meinen langen Atem und spucke Feuer. Ich werde den Prozess aussitzen und in der Zwischenzeit Papierflieger basteln.

Beratung in Bezug auf die Rente:

Sozialverband VdK Deutschland e. V.
Linienstraße 131
10115 Berlin
Telefon: 030 9210580-0
www.vdk.de

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