Getestet: MyTherapy, App zur Medikamenten-Einnahme

Für Menschen mit Bipolarer Affektiver Störung ist die Medikamenteneinnahme eine wichtige Säule der Krankheitsbehandlung. Sowohl die Einnahme der Prophylaxemedikamente, meist Lithium oder Valproat (oft in Kombination mit anderen Präparaten), als auch die Einnahme von Medikamenten wenn es ernst wird oder bereits ernst ist. Bei Frühwarnzeichen, in Hypomanien, Manien oder in Depressionsepisoden. Aber auch die Einnahme von anderen Medikamenten, beispielsweise zur Einschlafhilfe spielt eine Rolle in der Lebensführung von Betroffenen.

Gut, wenn es da ein Hilfsinstrument gibt, das einem aufzeichnet, wann und ob man die Medikamente, die regelmäßig zu einzunehmen sind, auch eingenommen hat. Ebenso ist es hilfreich einen Überblick darüber zu haben, wann man welche Dosis von Medikamenten eingenommen hat die man nicht regelmäßig benötigt. Alleine schon um es dem betreuendem Arzt/der betreuenden Ärztin mitzuteilen, wenn danach gefragt wird. Es ist auch hilfreich, wenn Angehörige, die man um Mithilfe bei der Überwachung der Medikamenteneinnahme bat, einen Überblick darüber haben, wie regelmäßig die Einnahme erfolgt.

Oder auch aus ganz einfachem Grund. Wer kennt den nicht? Mir selbst ging es selbst oft schon so, dass ich mich gefragt habe, habe ich die Pillen heute nun schon eingenommen oder nicht? Oft schon kurz nach der Einnahme war ich mir darüber nicht mehr sicher. Hier wäre es toll, wenn ich zum Einen erinnert würde, zu entsprechender Uhrzeit und zum Anderen, wenn ich die Einnahme auch auf einfache Weise vermerken könnte, ohne großen Aufwand.

MyTherapie, die App die für iOS im App Store von Apple, sowie für Android im Playstore von Google zu finden ist, soll genau bei diesen Anliegen unterstützen. Die App ist gratis, es sind auch keine weiteren versteckten Kosten darin enthalten. Weiterhin soll die App „Nicht-kommerziell und frei verfügbar bleiben“, das ist den App-Betreibern wichtig. Und uns sympathisch. Kooperiert wird hierfür mit Pharmaherstellern und Kliniken. Datenschutz wird ernst genommen.

„MyTherapy: Ihre persönliche Pillenerinnerungs- und Medikamentenverfolgungs-App.“ – Das sagt der App-Betreiber über sich selbst. www.StimmungsJo-Jo.de hat die App für Dich getestet.

Wie funktioniert bei MyTherapie die Medikamenteneingabe und die Erinnerung?

Nach dem kostenfreien Download der App im App Store oder Play Store wirst Du gebeten im Bereich „Therapie“ Medikamente hinzuzufügen. Dies kannst Du ganz einfach via Barcode-Scan der Medikamentenverpackung erledigen. Da es länderspezifische Medikamentendatenbanken in der App gibt, deutsch war voreingestellt, gehen wir davon aus, dass auch alle Medikamente gefunden werden. Wir hatten jedenfalls keine Probleme, alle Medikamente wurden ganz genau erfasst. Das Land (BRD) wurde automatisch vorgegeben, kann aber bei Bedarf geändert werden. Zur Not, falls mal eines nicht gefunden wird, können Medikamente aber auch manuell eingegeben werden.

Nach der jeweiligen Barcode-Erfassung fragt Dich die App, ob Du das Medikament regelmäßig einnehmen willst, dann kannst Du eine Uhrzeit für den Erinnerungswecker eingeben. Im Anschluss kannst Du auch noch weitere Uhrzeiten eingeben. Fürs Wochenende können zudem veränderte Zeiten eingestellt werden. Nach einer Bestätigung der jeweiligen Uhrzeiten wird dies in Deiner persönlichen „Therapie-Datenbank“ hinzugefügt. Falls Du ein Medikament nicht regelmäßig einnimmst, dann kannst Du dies ebenfalls einfach via einem „Wisch“ eingeben und anschließend das Medikament übernehmen. In die persönliche Therapie-Datenbank. Dort ist gut sichtbar ein Hinzufügen-Button, so, dass jederzeit die Prozedur wiederholt werden kann, um weitere Medikamente und Erinnerungswecker hinzuzufügen (Anm.: Messung, Aktivität, Symptomabfrage können hinzugefügt werden, hierzu gehen wir in dem Artikel nicht gesondert ein). Dies ist intuitiv und einfach zu erledigen. In der Übersicht ist dann jedes Medikament übersichtlich dargestellt, mit der jeweiligen Dosis: „Einnahme nur bei Bedarf“ oder „2-mal täglich“ stand da zum Beispiel unter dem jeweiligen Medikament. Insgesamt hat uns das schon mal ganz gut gefallen und überzeugt.

Die Erinnerung klappte auch zuverlässig, nach Einnahme muss man auch jeweils bestätigen, so, dass dies registriert wird. Auch das klappt zuverlässig und ist intuitiv und einfach bedienbar. In den „Alarmeinstellungen“ kann man auch wiederkehrende Erinnerungen einstellen, so, dass alle 5 Minuten bis zur Einnahme erinnert wird. Das dürfte in einer Depression nützlich sein, bzw. könnte sich bei dem Einen oder der Anderen während depressiver Antriebslosigkeit als nützlich erweisen. Auch kann die Erinnerungsfunktion der App als „Höchste Priorität“ eingerichtet werden, so, dass auch individuell der Klingelton und alle weiteren typischen Einstellungen so justiert werden können, dass es individuell passt. Wir finden das gut.

Für die Ausgefuchsten, die ihre Pillen zählen und wissen, wann diese zu Neige gehen, gibt es auch eine Kauferinnerung, damit man nicht plötzlich ohne da steht. Einfach Kaufdatum eingeben, fertig. Ebenso ist es möglich das jeweilige Medikament gegebenenfalls auf „Pausieren“ einzustellen, so, dass man dies nicht ganz aus der persönlichen Datenbank verliert und später erneut eingeben muss.

Zwischen-Fazit: Die Medikamenteneingabe ist simpel und die Erinnerungsfunktion funktioniert wie sie soll. Gut ist die Aufzeichnung der Einnahmen, so, dass man sich die auch als Diagramm darstellen lassen kann. Hierzu ist jedoch eine einmalige einfache Registrierung notwendig. Der Datenschutz ist da aber laut App-Betreiber gewahrt, bescheinigt wird dies vom TÜV Saarland. Nach der Registrierung – die erstaunlich wenig Daten abfragt, lediglich E-Mail-Adresse, Passwort, Geburtsjahr und Geschlecht – wird man noch gefragt, ob man an Umfragen und Studien teilnehmen möchte und dem Zusenden des kostenfreien Newsletters zustimmt. Also auch das simpel.

Weniger ist mehr. Aufbau der App.

Die App hat ein sehr übersichtliches Haupt-Menü. Von oben nach unten finden sich:

„Heute“: Hier werden alle heute anstehenden Erinnerungen angezeigt, ob es Einnahme von Medikamenten betrifft, Aktivitäten wie Spaziergänge, die auch als Erinnerung eingegeben werden können, die Erinnerung ans Blutdruckmessen oder die anstehende Beurteilung des Stimmungsbildes, auch hier kann man sich täglich erinnern lassen das einzupflegen. Übersichtlich wird hier dann dargestellt, was heute noch ansteht, so, dass man jederzeit den Überblick hat.

„Therapie“: Im Bereich Therapie werden wie gesagt die Medikamente, Messungen, Aktivitäten und Symptomabfragen mit ihrer jeweiligen Terminierung übersichtlich angezeigt. Wir haben oben dargestellt, wie das bei der Medikementeneinnahme funktioniert, letztlich ist das in den anderen bereichen genauso aufgebaut.

„Tagebuch“: Hier finden sich dann die Aufzeichnungen und der Überblick zu den einzelnen Medikamenteneinnahmen, Messungen, Aktivitäten und Symptomabfragen gut aufbereitet wieder. Woche, Monat und Jahr kann man sich hier anzeigen lassen. Gut und übersichtlich dargestellt.

„Bericht“: Der sogenannte Gesundheitsbericht der App kann ganz einfach via Mail versendet werden. es wird eine grafische Übersicht auf DIN A 4-Format zu allen Medikamenteneinnahmen, Messwerten, etc. gegeben. Dies kann super vor dem nächsten Arztbesuch ausgedruckt werden, so, dass man eine Gesprächsgrundlage gleich mitnehmen kann.

„Team“: Dann gibt es noch den Bereich Team. Hier kann man Angehörige (Freunde und Familie) für wöchentliche Berichte freigeben. Mittels eines Einladungscodes können diese bestätigen, dass sie das auch wollen. Ebenso können hier Kontaktdaten der behandelnden Ärzte/Ärztinnen eingepflegt werden, so, dass man diese immer griffbereit hat.

„Einstellungen“: Die Einstellungen beinhalten Persönliche Angaben (Alter, Gewicht, etc.), die dort auch geändert werden können. Im Bereich Erinnerungen kann eingestellt werden, ob man die Erinnerungswecker „öffentlich“ angezeigt haben will, sprich, ob diese auf dem Display aufleuchten. Die Medikamentendatenbank kann auf andere Länder eingestellt werden. Für das Öffnen der App kann ein separater Pin-Code eingegeben werden. Wenn einen „Heute“ triggert, weil man so beispielsweise immer unter Zeitdruck ist, dann kann das in „Ausgewählte Inhalte“ weggeschaltet werden. Ebenso kann man sich nur anzeigen lassen, was man möchte. Das ist gut für Menschen mit Bipolarer Affektiver Störung. Will man doch nicht immer alles angezeigt bekommen. Unter Datenanbindung kann man sich mit „MACSS“ verbinden, einer Austauschplattform von Patient*innen und Ärzt*innen. Weiterhin kann in Einstellungen die App noch weiterempfohlen, sowie Supportanfragen gestellt und Verbesserungsmöglichkeiten gegeben werden.

Schluss-Fazit: Eine sehr gute App. Die Verwaltung der Medikamente, Stimmungen und deren Überwachung funktioniert damit ganz ordentlich, wenn man sich darauf einlassen möchte. Die Bedienung ist einfach und intuitiv. Die App ist also nicht nur was für digitale Nerds, sondern auch für Menschen die nicht technikaffin sind ebenso geeignet. Und da sie kostenfrei ist und dies auch so bleiben soll, kann man problemlos ausprobieren, ob diese der eigenen Erwartung entspricht.

Empfehlenswert also allemal. Einfach ausprobieren.

+++ UPDATE +++ Vom Pressesprecher der Smartpatient GmbH, Herrn Florian Müller, wurden wir nach Veröffentlichung unseres Artikels darauf aufmerksam gemacht, dass bei der MyTherapie-App derzeit die „komplette Auswertungs-Sektion“ überarbeitet wird. In den Einstellungen kann die Neufassung bereits als BETA-Version aktiviert werden. Müller teilt mit, dass aktuell auch an den Kacheln für Stimmung und Aktivität (Schritte aus Google Fit) gearbeitet wird, mit dem Ziel, dass der Screen so personalisiert werden kann, dass man individuell immer alles Wichtige auf einen Blick beisammen hat. Wir wurden gebeten, dass wir hierzu Rückmeldung geben. Schreibt uns also, wenn Ihr die BETA testet, was Ihr darüber denkt. Wir sind gespannt.


Lesenswerter Artikel im Blog der Appbetreiber:
https://www.mytherapyapp.com/de/blog/leben-mit-bipolarer-stoerung 



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Über Flo 76 Artikel
Flo ist gebürtiger Münchner und nach wie vor in der Isarmetropole "dahoam". Mit 38 Jahren wurde bei ihm die Diagnose "Bipolare Affektive Störung" gestellt. Als "manisch-depressiver" hat er in den letzten zwei Jahrzehnten zahlreiche Episoden erlebt, konnte diese jedoch undiagnostiziert und in Unwissenheit der verschiedenen Symptome zum Störungsbild bis zum Tag der "Entdeckung" nie wirklich einer Krankheit zuordnen. Komische Verhaltensweisen konnte er sich daher nicht erklären und verdrängte diese. Der Ahnung, dass was nicht stimmen könnte, wich er im Alltag wegen dieser Unwissenheit somit stets aus. Und so blieb lange Zeit unentdeckt, was längst entdeckt hätte werden sollen. Heute ist Flo in Behandlung und er hat damit die Chance auf ein episoden- und damit symptomfreies Leben. Er ist nicht nur Betroffener, sondern auch Angehöriger. Mehrere Familienmitglieder sind von bipolarer Affektiver Störung betroffen. Die Erfahrungen und das Wissen das er nun im Umgang mit der Krankheit und im Austausch mit anderen Betroffenen erwirbt und erworben hat teilt er nun in diesem Blog. Damit das Wissen um diese Störung in unserer Gesellschaft mehr Zuspruch finden kann. Für die Entstigmatisierung von Betroffenen. Und es soll anderen helfen sich schneller zurecht zu finden. Betroffenen und Angehörigen. Denn je umfangreicher ein Wissen um Bipolare Affektive Störung jeweils ist, desto besser kann gegen Störungsepisoden angegangen bzw. diesen vorgebeugt werden. Von Betroffenen und auch von Angehörigen.

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