Frühling – Jahreszeitbedingte Hypomanie?

Es wird Frühling. In den Morgenstunden höre ich die Vögel zwitschern, die Sonne ist wieder länger da, die Luft wirkt rein. Allgemein macht sich Aufbruchstimmung breit. Auch ich merke derzeit, wie mich Frühwarnzeichen plagen. Seit mehreren Wochen habe ich Schlafdefizite, trotz der Prophylaxemedikamente und dem Versuch eines ruhigen Lebenswandels. Mir geht der Song „Insomnia (Schlaflosigkeit)“ von Faithless durch den Kopf, immer und immer wieder. Denn ich habe seit Wochen kaum Schlaf, 3 Stunden am Tag sind einfach zu wenig. Dank der Valproinsäure, einem Phasenprohylaxemedikament, habe ich jedoch derzeit kein „Gereiztheitempfinden“, jedoch merke ich schon sowas wie zuviel Energie on top, aber in gedämpfter Stimmung. Es hilft auch nur die Ausschläge nach oben oder unten zu dämpfen, so sagte man mir das. Nun denn, muss ich mich nun mit einer Hypomanie beschäftigen, die ich – rückblickend betrachtet – schon des Öfteren im Frühjahr als Begleiterscheinung zur wärmeren Jahreszeit mitnahm. Doch diesmal ist es anders, ich trete dieser bewusst entgegen.

In „meiner“ Selbsthilfegruppe berichteten letzte Woche viele meiner ebenso betroffenen Leidensgenoss*innen, dass es ihnen derzeit ähnlich erginge. Auch im Netz mehren sich die Berichte. Kaum Eine*r, der/dem es nicht so ergeht, im erlauchten Kreise der Betroffenen. Während eines Meetings bei meinem Psychiater nachgefragt wusste der zu berichten, dass ihn derzeit viele seiner mit Bipolarer Affektiver Störung betroffenen Patient*innen aufsuchen, da sie ebenfalls Symptome wie Schlaflosigkeit aufweisen.

Botenstoffdurcheinander mitverantwortlich

Das hängt mit den Botenstoffen im Kopf zusammen. Einige dieser sind wegen einer Genmutation bei Bipolaren durcheinander, so beispielsweise das Dopamin. Zu bestimmten Jahreszeiten kommt es tageslichtbedingt – wegen der Sonneneinstrahlung – zu einer Über- bzw. Unterproduktion des Botenstoffes. Zur Zeit wird das bei Betroffenen in Übermenge produziert. Es gilt nun mit Quetiapin, einem Neuroleptikum, gegenzusteuern. Kurz und grob umrissen blockiert es die Überproduktion an Dopamin, einem zentralen Botenstoff (Neurotransmitter) im Gehirn. Es ist beispielsweise verantwortlich für Freude, Merkfähigkeit, Motivation, Motorik und einiges mehr. Ein Zuviel an Dopamin führt zu einer manischen Freude, zu einer Hypomanie, die sich schlimmstenfalls zu einer Manie auswachsen kann.  Ein Mensch mit einer erhöhten Dopaminkonzentration nimmt die Umwelt stärker wahr, ist jedoch nicht in der Lage, seine Sinneseindrücke korrekt zu verarbeiten und es gelingt ihm dadurch nicht mehr, Unwichtiges und Wichtiges zu unterscheiden. Das Mittel Quetiapin blockiert im Grunde das Zuviel und reguliert damit die Dopamin-Wirkung auf normale Werte runter. Auch mir verschrieb mein Arzt zusätzlich zum Prophylaxemittel Valproat das Quetiapin. Und siehe da: Tatsächlich, meine Schlafprobleme lösten sich die letzten zwei Nächte, seit dem 15. März (witzigerweise der Weltschlaftag), in Luft auf. Ich merke jedoch, dass die Dosis wohl einen Ticken zu hoch war, denn ich bin nun dauerhaft müde. Oder mein Körper holt sich den Schlaf, den er die letzten Wochen nicht hatte, wieder. (Warnhinweis: Medikationen nur nach Rücksprache mit einem Arzt/einer Ärztin einnehmen, Medikamente wirken mitunter individuell anders)

Viele von saisonalen Schwankungen betroffen

Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 20 Prozent der Betroffenen von Bipolarer Affektiver Störung bei größeren Wetterumschwüngen Stimmungsschwankungen unterliegen. Nach einer bereits 2014 erschienenen Studie haben viele Betroffene Depressionsepisoden im Herbst/Winter, im Frühjahr und im Sommer dagegen geht es in Richtung Hypomanie und Manie. Manchmal scheint sich das jedoch ins Gegenteil zu verkehren, so bringt bei Einigen der Sommer Depressionen und der Winter bringt Hypomanie oder Manie. Die Tatsache jedoch, dass Du bei Deinem individuellem Krankheitsverlauf ein Muster bemerkt hast, wird Dir helfen können, dem entgegenwirken.

Doch warum ist das so?

Je nach Jahreszeit und Standort variiert die Sonnenmenge die auf die Erde und somit uns herab scheint. Expert*innen sagen dies daher dem Sonnenlicht zu: Die interne Schlafuhr (zirkadianer Rhythmus des Körpers aus Wecken und Schlaf), die körpereigene Reaktion auf Veränderungen innerhalb eines 24-Stunden-Tages, wird durch die Menge des Sonnenlichts, das mit der Haut aufgenommen wird, beeinflusst, der Rhythmus kommt durcheinander. Eine solche Reaktion wird durch einen komplexen Satz von Genen gesteuert, diese werden im Allgemeinen als „Taktgene“ bezeichnet, das Dopamin gehört hier dazu. Sind solche Gene mutiert, dann besteht das Risiko einer affektiven Bipolaren Störung und damit einhergehend auch saisonale Stimmungsschankungen. Schlaf und Energie sind bei bipolaren Störungen natürlich besonders wichtig. Während Depressionen kann der Schlaf entweder zu viel oder zu wenig sein, dafür ist die Energie zu gering. Bei Hypomanie oder Manie treten weniger Stunden Schlaf auf, aber das Energielevel ist hoch. In gesunder Stimmung sorgen die Einflüsse von Sonnenlicht und Dunkelheit für einen normalen zirkadianen Rhythmus. Schlaf und Energie werden vom Gehirn gut reguliert. Gegen Winterdepressionen, die mit der Aufnahme von weniger Sonnenlicht einhergehen können, hat sich in vielen Fällen die Bestrahlung durch eine Tageslichtlampe als hilfreich herausgestellt.

Es gilt nun aber insgesamt mich intensiver in Bezug auf die Jahreszeiten selbst zu beobachten. Zu schauen, welche Symptome sich aktuell weiterhin zeigen und darauf zu achten, dass nun ein konstanter gesunder Schlaf sich wieder einpendeln kann. Da dieser in 90 Prozent der Fälle die beste Vorsorge vor ausgewachsenen Episoden ist, sagt mein Arzt.

Jahreszeitenwechsel sind also einer der Trigger/Auslöser für Episoden. Das gilt es im Hinterkopf zu behalten. Die genaue Beobachtung der Auswirkungen auf mich selbst kann dazu beitragen, dass künftige Episoden durch das erlernte Wissen verhindert werden können. Weil man mit geeigneten Mitteln reagieren kann.


Wikipedia-Eintrag Quetiapin: https://de.wikipedia.org/wiki/Quetiapin


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Über Flo 76 Artikel
Flo ist gebürtiger Münchner und nach wie vor in der Isarmetropole "dahoam". Mit 38 Jahren wurde bei ihm die Diagnose "Bipolare Affektive Störung" gestellt. Als "manisch-depressiver" hat er in den letzten zwei Jahrzehnten zahlreiche Episoden erlebt, konnte diese jedoch undiagnostiziert und in Unwissenheit der verschiedenen Symptome zum Störungsbild bis zum Tag der "Entdeckung" nie wirklich einer Krankheit zuordnen. Komische Verhaltensweisen konnte er sich daher nicht erklären und verdrängte diese. Der Ahnung, dass was nicht stimmen könnte, wich er im Alltag wegen dieser Unwissenheit somit stets aus. Und so blieb lange Zeit unentdeckt, was längst entdeckt hätte werden sollen. Heute ist Flo in Behandlung und er hat damit die Chance auf ein episoden- und damit symptomfreies Leben. Er ist nicht nur Betroffener, sondern auch Angehöriger. Mehrere Familienmitglieder sind von bipolarer Affektiver Störung betroffen. Die Erfahrungen und das Wissen das er nun im Umgang mit der Krankheit und im Austausch mit anderen Betroffenen erwirbt und erworben hat teilt er nun in diesem Blog. Damit das Wissen um diese Störung in unserer Gesellschaft mehr Zuspruch finden kann. Für die Entstigmatisierung von Betroffenen. Und es soll anderen helfen sich schneller zurecht zu finden. Betroffenen und Angehörigen. Denn je umfangreicher ein Wissen um Bipolare Affektive Störung jeweils ist, desto besser kann gegen Störungsepisoden angegangen bzw. diesen vorgebeugt werden. Von Betroffenen und auch von Angehörigen.

1 Kommentar

  1. Definitiv! Bei mir ist das derzeit auch so! Ich dreh völlig am Rad. Ich glaube aber, dass das neben der Sonne auch daran liegt, dass um einen herum alle ganz fickrig sind. Frühlingsstimmung halt. Coole Site, macht weiter so.

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