Endlich rauchfrei nach 3 Sitzungen?

Endlich rauchfrei nach 3 Sitzungen?

Ein Erfahrungsbericht über einen Rauchfrei-Kompaktkurs mit 3 Sitzungen à 3 Stunden an der Tabakambulanz des Uniklinikums München

Sitzung 1:

Teilnehmer im mittleren und höheren Lebensalter scharren vor Raum A.25 im Uniklinikum für Psychiatrie und Psychotherapie in der Nußbaumstraße 7 mit den Füßen. Die Gesichter sind angespannt und ich erkennen meinen eigenen Unwillen wieder. Ich rauche sehr gerne, aber in den letzten zwei Jahren ist es zu einer richtigen Sucht geworden. Nach dem Aufstehen rauche ich als erstes eine Zigarette und das finde ich außerordentlich widerlich. Früher habe ich nur ab und zu abends und beim Weggehen geraucht, das fand ich okay. Aber jetzt habe ich Angst um meine Lunge. Ich bin öfter verschleimt. Und ich will nicht abhängig sein und auch nicht an Lungenkrebs sterben.

 

Die Suchttherapeutin Frau Dietz begrüßt uns freundlich und der Kurs beginnt mit einer Vorstellungsrunde. Alle haben mehr oder weniger dieselben Probleme. Und alle haben Panik vor dem geplanten Rauch-Stopp nach der zweiten Sitzung. Frau Dietz erklärt uns, dass nach wissenschaftlichen Studien ein verhaltenstherapeutisch vorbereiteter Rauchstopp am effektivsten ist. Einfacher als seinen Konsum zu reduzieren, weil es dann ein ständiger Kampf bleibt. Wir sprechen über die positiven und negativen Effekte des Rauchens und überlegen uns, wie wir konkret möglichen Entzugssymptomen begegnen wollen. Diese sind: Gefühl von Frustration, Konzentrationsschwierigkeiten, Reizbarkeit, Kreislaufbeschwerden, Unruhe, Schlafstörungen, niedergeschlagene Stimmung, Hungergefühle und Verdauungsstörungen.

Wir sollen den Tag des Rauchstopps aktiv planen und auch auf Hilfsmittel zurückgreifen. Im Angebot stehen Nikotinpflaster, das Medikament Chumpex und ein Präparat aus Polen, Tabex, das eine Teilnehmerin vorschlägt und das in Deutschland nicht zugelassen ist. Nach einigen Recherchen im Internet entscheide ich mich für Tabex, da es pflanzlich und günstig ist (ca. 22Euro für 100 Tabletten). Eine Entziehungskur ist auf 25 Tage angelegt. Ich werde es 2 Tage vor dem Rauchstopp nehmen.

Bis zur nächsten Sitzung sollen wir unser Rauchverhalten tracken. Immer bevor ich eine Zigarette rauche, mache ich ein Kreuzchen auf einer kleinen Karte. Dazu kreuze ich den Grund an, warum ich eine Zigarette rauche. Stress, Anregung, Geselligkeit, Genuss, Langeweile und Sucht stehen zur Auswahl. Ich füge die eigenen Punkte „Einsamkeit“ und „nach dem Essen“ hinzu.

Mit den anderen Teilnehmern habe ich nun eine „Rauchfrei-Whats-App-Gruppe“, in der wir uns gegenseitig Tipps geben. Zumindest fühle ich mich mit meinem Problem nicht so allein und sehe, dass es den anderen auch wahnsinnig schwerfällt. Ich bin gespannt auf die nächste Sitzung und den gemeinsamen Rauch-Stopp.

Zwischenbericht:

Ich habe wahnsinnige Angst vor dem Rauchstopp am Montag. Ich merke, dass der Suchtdruck in der Früh am Schlimmsten ist und ich mehr rauche, wenn ich in der Früh anfange, mein Tagwerk zu erledigen und vor meinem Computer sitze und schreibe. Was soll ich für ein anderes Morgenritual etablieren?

Zigaretten rauche ich neben der Sucht vor allem aus Anregung, Stress, Einsamkeit, Langeweile und Geselligkeit, das sagt mir mein Tracking. Ich kämpfe generell stark mit Müdigkeit und die Zigarette macht mich wach. Die Langeweile-Zigaretten wären am Einfachsten wegzulassen. Bei der Geselligkeit wird es schon schwieriger. Ich muss sicher am Anfang den Alkohol weglassen und dann kann ich mit Freunden nicht mehr ausschweifend feiern. Aber für eine gesunde Lunge sollte das zu verschmerzen sein. Leider wird mein Tabex aus Polen erst am Mittwoch geliefert. Ob ich den Rauchstopp auf Mittwoch verschiebe oder lieber die Dynamik des Gruppendrucks mitnehme? Ich werde es mit Frau Dietz besprechen. Gott sei Dank wird mein Tabex bereits am Samstag geliefert.

Sitzung 2:

Am Tag von Sitzung 2 möchte ich am liebsten im Bett bleiben und es liegt nicht an dem schlechten Wetter. Ich habe sowas von keinen Bock auf den Rauchstopp. Die Angst, dass ich mich hundeelend fühlen werde, legt sich wie eine eiserne Hand um mein Herz. Ich stehe trotzdem auf.

Unser Rauchfreikurs hat 2 Teilnehmer verloren, die hatten wohl zu viel Angst. Wir dürfen uns bei Frau Dietz auskotzen und das tun wir auch. Alle haben Panik vor dem Rauchstopp. Dennoch rauchen drei von uns in der Pause ihre letzte Zigarette. Danach hole ich mir einen Kaffee vom Kaffeeautomaten und als das Getränk in den Becher summt, möchte ich am liebsten heulen. Ich habe Panik, dass ich es nicht schaffe und fühle mich zigarettenseelenallein. Im Kurs ist mir bewusst geworden, wie vielseitig die Droge Nikotin ist. Wie keine andere Droge hat sie eine Doppelwirkung und bringt Anregung und Entspannung. Deswegen ist ihr Suchtpotential wohl auch stärker als das von Heroin. Mit dem Kaffee pfeife ich mir mein erstes Tabex rein, das Gott sei Dank keine spürbaren Nebenwirkungen verursacht.

Dann reden wir noch in der Gruppe darüber, wie wir in unserem Alltag unsere Gewohnheiten vom Rauchen entkoppeln. Bei mir ist der frühe Morgen das Problem. Ich beginne den Morgen mit Kaffee, Schreiben und Kettenrauchen. Deswegen plane ich am ersten Tag nach dem Rauchstopp gleich in der Früh das Haus zu verlassen und frühstücken zu gehen. Und bete zu Gott, dass ich es schaffe.

Am 1. Tag nach dem Rauchstopp:

Ich trinke wie geplant morgens mein Zitronenwasser, pfeife mir Tabex rein und meine homöopathischen Kügelchen Ignatia gegen Reizbarkeit und Stimmungsschwankungen. Dann ziehe ich mich schnell an und verlasse das Haus zum Frühstücken. Beim Bäcker sehe ich einen Mann vor der Scheibe stehen und rauchen. Sehnsuchtsvoll starre ich ihn an. Aber der Suchtdruck ist auszuhalten. Ich will nicht mehr rauchen! Rauchen macht mich krank! Und ich will leben!!! Nach dem Deluxe-Frühstück gehe ich einkaufen und unversucht an den Zigaretten an der Kasse vorbei.

Zu Hause pfeife ich mir wieder ein Tabex rein, arbeite nicht, sondern lege mich wieder ins Bett und penne bis 12Uhr. Den Kaffee trinke ich im Stehen, weil ich Angst habe, dass wenn ich mich auf die Couch setze, ich sofort wieder rauchen will. Dann wage ich es, setzte mich auf die Couch und schreibe diesen Artikel. Es gibt keinen Suchtdruck. Es ist ein Geschenk Gottes.

Ich weiß aber, dass ich mich innerlich vor den Zigaretten panzern muss. Meine Synapsen, die nach Nikotin schreien, haben sich vermehrt und heulen wie Munch-artige Spermien herum. Morgen muss ich um 9 Uhr zum Arbeitsamt, ein widerlicher Termin. Da muss ich mich ganz besonders gut gegen meine schreienden Synapsenkinderchen wappnen.

Am 2. Tag nach dem Rauchstopp:

Obwohl ich das Arbeitsamt heulend vor Wut verlasse, rauche ich nicht. Das war dann wohl meine Feuerprobe. Chapeau vor mir selbst. Um 18h ruft mich Frau Dietz an und ich kann stolz von meinem Erfolg berichten. Allerdings erzähle ich ihr auch, dass ich mich wahnsinnig anstrengen und konzentrieren muss, nicht zu rauchen. Sie empfiehlt mir, mir für den Notfall Nikotinkaugummis aus der Apotheke zu holen und weiterhin jeden Tag bewusst zu planen. Ob es am Wochenende eine Gefahr gebe? Ja, ich werde zwei starke Raucher treffen. Ich werde sie bitten, dass wir uns an einem Ort treffen, wo sie draußen rauchen müssen. Ich bedanke mich bei Frau Dietz und lege gestärkt auf.

Abends bin ich allerdings so erschöpft von den Nachwirkungen des inkompetenten Beamten aus dem Arbeitsamt, dass ich crassen Suchtdruck verspüre. Ich überlege kurz, ob ich einen Zigarettenstummel im Aschenbecher anzünde, der noch auf dem Balkon steht (Memo: entsorgen!!!). Ich schreibe einen Hilferuf an meine Whats App Gruppe. Ich werde ermutigt und soll eine Nelke kauen. Ich bestelle meine neue Lieblingspizza Vitelo Tonnato. Das hilft ein bisschen. Erschöpft schlafe ich irgendwann ein, ohne eine geraucht zu haben.

Am 3. Tag nach dem Rauchstopp:

Ich wache ohne Suchtdruck auf. Gott sei Dank. Und schreibe problemlos gleich an diesem Artikel weiter. Gott sei Dank. Ich werde weiter nicht rauchen und nicht aufgeben!!!!

Am 4. Tag nach dem Rauchstopp:

Heute Abend ist Party mit Rauchern. Ich werde probieren Alkohol zu trinken. Hab ziemlich Schiss, dass ich eine rauchen will, wenn alle rauchen.

Am 5. Tag nach dem Rauchstopp: 

Ich habe auf der Party trotz Alkohol und Rauchern nicht geraucht!!! Ich war sogar ziemlich betrunken. So ein Glück, dass des geht!

Sitzung 3

Glücklich sitzen 5 Nichtraucher in der Psychiatrie. Wir erzählen alle Frau Dietz stolz, dass wir eine Woche nicht geraucht haben. Leicht gefallen ist es niemand. Dennoch sind alle überrascht, dass es möglich war. Unsere Zuversicht, dass wir in Zukunft nicht mehr rauchen, liegt nun durchschnittlich bei 90 Prozent (vorher bei mir 60 Prozent). Wir besprechen, wie wir mit einem Rückfall umgehen. Dann keine weitere Zigarette und Programm von vorne. Ebenso besprechen wir Risikosituationen. Bei mir sind es negative Gefühle (Angst, Wut, Ärger, Einsamkeit) und wenn ich müde werde, mich weiter anzustrengen, nicht zu rauchen. Für mich ist es weiter anstrengend, aber erträglich. Ich merke, dass meine Kurzatmigkeit besser wird und hoffe, dass mir Sport leichter fallen wird. Dann sollen wir uns Belohnungen für unseren Erfolg überlegen. Ich werde gesundes Essen kaufen und idealerweise nächsten Januar 1 Woche nach Dahab fliegen. Frau Dietz wird uns in einer Woche nochmal anrufen und in 8 Wochen kommt eine selbstgeschriebene Postkarte mit Glückwünschen bei mir an, die Frau Dietz versenden wird. Ich muss sagen, dass der Gruppendruck wirklich geholfen hat und ich inständig hoffe, dass ich weiter standhaft bleibe. Tabex werde ich weiternehmen, bis meine 100 Stück aufgebraucht sind. Und ich werde mich an meine neue Identität gewöhnen müssen: endlich Nichtraucherin!

Bild: Nikotinsynapsen im Gehirn, die bei Suchtdruck weinen.

 

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