Diagnose – Wie erfolgt die eigentlich?

Wie eine Diagnose für eine Bipolare Affektive Störung erstellt werden sollte, findet sich in der S3- Leitlinie im Kapitel 4 – Klassifikation und Diagnostik, inklusive Früherkennung. Das beschreibt, wie eine Diagnose im Idealfall und unter idealen Bedingungen erstellt werden soll. Die Leitlinie ist eine Orientierungshilfe, keine verbriefte Vorgabe oder gar Weisung. Deswegen läuft eine Diagnosestellung nicht unbedingt immer nach diesem Schema ab. Das hängt von vielen Faktoren ab, wie beispielsweise Zeitressourcen der behandelnden Person oder auch Ausstattung der Praxis oder Klinik.

Ich habe daher schon von Betroffenen gehört, dass sie die Diagnose quasi per Handauflegung bekommen haben, nach wenigen Minuten. Andere wiederum sagten, sie hätten erst andere Diagnosen bekommen, die dann nach und nach korrigiert worden wären. Und wiederum Andere erzählten mir, dass sie in einer Klinik auf Herz und Nieren getestet worden seien.

Nun, wie auch immer der Weg aussieht, ich will hier eine normale Vorgehensweise zur Diagnosestellung beschreiben. Wer die Empfehlung der trialogisch erstellten S3-Leitlinie im Detail lesen möchte – dort ist der Musterweg, der als Empfehlung festgehalten wurde, genauestens beschrieben – hat hier die PDF der neuen Ausgabe als Download und kann sich diese zu Gemüte führen.  Wie gesagt, Kapitel 4. Alle andere bekommen nachfolgend die Kurzversion.

Diagnosestellung

Um festzustellen, ob Du eine Bipolare Affektive Störung hast, tritt oft folgendes Szenario ein:

  • Körperliche Untersuchung
    Dein Arzt/Deine Ärztin führt möglicherweise eine körperliche Untersuchung und Labortests durch, um körperliche bzw. somatische Probleme zu ermitteln, die Deine Symptome verursachen könnten. Es gilt diese im Zweifel auszuschließen. Dies könnten beispielsweise Erkrankungen an der Leber sein, Schilddrüsenerkrankungen oder auch eine Kopfverletzung. Vorgegangen wird dann sukzessive nach dem Ausschlussprinzip. Auch eine Blutuntersuchung kann dies beinhalten. genauso wie ein Gehirnscan mittels Computertomographie.

 

  • Psychiatrische Beurteilung
    Dein Hausarzt/Deine Hausärztin kann Dich an einen Psychiater/eine Psychiaterin (Facharzt/Fachärztin) überweisen, die/der mit Dir über Deine Gedanken, Gefühle und Verhaltensmuster spricht. Oft gibt es hier wegen der Unterversorgung lange Wartezeiten. Das kann also dauern. Und oder an eine*n Psychotherpeuthen/Psychotherapeuthin. Du kannst auch eine psychologische Selbsteinschätzung oder einen Fragebogen ausfüllen. Mit Deiner Erlaubnis können Familienmitglieder oder enge Freund*innen gebeten werden, Informationen über Deine Symptome anzugeben. Das kann bei der Diagnosestellung hilfreich sein, da diesen komische Verhaltensweisen in einer Manie meist eher auffallen, als Dir als Betroffenen. Außerdem fällt es ihnen vielleicht leichter als Dir offen Symptome anzusprechen die Dir eher peinlich sind oder sein können. zudem ist es wichtig, dass der Arzt/die Ärztin weiß, ob es familiäre Vorbelastungen gibt. Im Moment ist eigentlich die ambulante Versorgung die erste Wahl, um Dich zu beurteilen. In akuten Phasen kann aber auch eine stationäre Beobachtung/Therapie/Betreuung – auch via Einweisung – erfolgen. Auch hier kann es zu längeren Wartezeiten kommen. Teilweise mehrere Wochen oft sogar bis zu drei Monaten. Ausnahme sind akute Gefährdungsepisoden, wenn also Fremd- oder Eigengefährdung droht. Dafür gibt es stets einen Platz.

 

  • Stimmungsdiagramm
    Möglicherweise wirst Du gebeten, Deine Stimmungen, Schlafmuster oder andere Faktoren, die bei der Diagnose und beim Finden der richtigen Behandlung hilfreich sein könnten, über einen längeren Zeitraum täglich aufzuzeichnen. Dazu wird man Dir einen Stimmungskalender geben. Es wird auch nach der Diagnose für die Behandlung wichtig sein, dass Du diese Eigenschaften weiter beobachtest.

 

  • Kriterien für eine Bipolare Affektive Störung.
    Dein Psychiater/deine Psychiaterin kann Deine Symptome mit den Kriterien für bipolare und verwandte Erkrankungen im Diagnose- und Statistikhandbuch für psychische Störungen (Diagnostisches und Statistisches Manual 5, kurz: DSM-5) vergleichen. Oder sie/er geht nach der sogenannten ICD 10-GM Norm (Kapitel 5), der deutschen Variante der Internationalen Klassifizierung von Krankheiten der vertragsärztlichen und vertragspsychtherapeuthischen Versorgung . Treffen aus diesen bestimmte Merkmale in einer bestimmten Anzahl auf Dich zu, je nach Stimmungsbild, dann kann eine entsprechende Diagnose gestellt werden.

 

Diagnose bei Kindern

Obwohl für die Diagnose von betroffenen Kindern und Jugendlichen dieselben Kriterien wie für Erwachsene gelten, weisen die Symptome bei Kindern und Jugendlichen oft unterschiedliche Muster auf und passen möglicherweise nicht genau in die Diagnosekategorien.

Bei Kindern, die an einer bipolaren Störung leiden, werden häufig auch andere psychische Erkrankungen wie Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung (ADHS) oder Verhaltensprobleme diagnostiziert, was die Diagnose komplizierter machen kann. Die Überweisung an eine*n bipolar erfahrene*n Kinderpsychiater*in wird deswegen wärmstens empfohlen.


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Über Flo 84 Artikel
Flo ist gebürtiger Münchner und nach wie vor in der Isarmetropole "dahoam". Mit 38 Jahren wurde bei ihm die Diagnose "Bipolare Affektive Störung" gestellt. Als "manisch-depressiver" hat er in den letzten zwei Jahrzehnten zahlreiche Episoden erlebt, konnte diese jedoch undiagnostiziert und in Unwissenheit der verschiedenen Symptome zum Störungsbild bis zum Tag der "Entdeckung" nie wirklich einer Krankheit zuordnen. Komische Verhaltensweisen konnte er sich daher nicht erklären und verdrängte diese. Der Ahnung, dass was nicht stimmen könnte, wich er im Alltag wegen dieser Unwissenheit somit stets aus. Und so blieb lange Zeit unentdeckt, was längst entdeckt hätte werden sollen. Heute ist Flo in Behandlung und er hat damit die Chance auf ein episoden- und damit symptomfreies Leben. Er ist nicht nur Betroffener, sondern auch Angehöriger. Mehrere Familienmitglieder sind von bipolarer Affektiver Störung betroffen. Die Erfahrungen und das Wissen das er nun im Umgang mit der Krankheit und im Austausch mit anderen Betroffenen erwirbt und erworben hat teilt er nun in diesem Blog. Damit das Wissen um diese Störung in unserer Gesellschaft mehr Zuspruch finden kann. Für die Entstigmatisierung von Betroffenen. Und es soll anderen helfen sich schneller zurecht zu finden. Betroffenen und Angehörigen. Denn je umfangreicher ein Wissen um Bipolare Affektive Störung jeweils ist, desto besser kann gegen Störungsepisoden angegangen bzw. diesen vorgebeugt werden. Von Betroffenen und auch von Angehörigen.

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