Der Stigmatisierung entgegen – Mehr Outing wagen!

Das soziale Stigma (griechisch für StichWundmal) als Brandmal kennzeichnet eine Eigenschaft, ein äußeres oder nicht sichtbares Merkmal einer Person oder Gruppe, das als Ausdruck der Abwertung Ursache und Folge sozialer Ausgrenzung sein kann. Gründe für Stigmatisierung und Diskriminierung sind vielfältig. „Gefährliches Halbwissen“, Angst, Vorurteile, über Medien verbreitete Stereotypen sind nur einige Beispiele, weshalb Menschen Betroffene stigmatisieren und diskriminieren. Diese „Missverständnisse“ und aus Sicht von Betroffenen Unterstellungen tun weh, und sie können am Selbstwertgefühl und am Selbstvertrauen nagen.

Wer von uns Betroffenen kennt das nicht. Das diskriminiert, kriminalisiert und stigmatisiert werden!?!? Viele sind bereits deswegen so eingeschüchtert, dass sie selbst unter Betroffenen sich immer wieder umschauen, um zu prüfen, dass ja niemand mitbekommt, dass man über die eigene Erkrankung spricht. Das habe ich nun schon ein paar mal erlebt. Das ist für mich echt erschreckend. Denn hier halten sich Betroffene in der Opferrolle und schaffen sich damit eine „Wohlfühlzone“ die eigentlich keine ist. Dabei sollte es anders herum sein. Die, die uns stigmatisieren sind diejenigen die ihr Verhalten diesbezüglich „verstecken sollten“. Doch warum handeln die so? Wir wissen es nicht.

Oft ist es jedoch wohl einfach nur die Tatsache, dass Menschen gerne woanders Fehler suchen und auf Fehler anderer aufmerksam machen, bevor sie sich eigene eingestehen. Das ist bequemer als sich selbst zu reflektieren und sich mit den eigenen Unzulänglichkeiten auseinanderzusetzen. Ich arbeite jeden Tag daran mich selbst zu reflektieren. Bevor ich über Andere urteile, hinterfrage ich mein eigenes Verhalten. Denn oft verachten wir jemanden für etwas, an dem wir selbst an uns arbeiten müssen. Verachtung und Abwertung wurzelt in der Abwertung eines eigenen inneren Anteils, der sich in der zwischenmenschlichen Begegnung am Anderen manifestiert. Menschen die Andere stigmatisieren sind also mit sich selbst oftmals nicht im Reinen, sollten also „vor der eigenen Haustüre kehren“, statt mit dem Finger auf Andere zu zeigen. Das Verhalten Anderer können wir aber nicht beeinflussen, nur unser eigenes. Ich kann nur mein eigenes Verhalten steuern und damit beeinflussen und verändern wie mich mein Umfeld wahrnimmt. Es hilft zur Gesundung, wenn wir anerkennen, dass das so ist. Wenn wir anerkennen, wer wir sind. Wenn wir anerkennen, in welcher Gegenwart, in welcher Realität wir uns befinden.

Meine Realität ist die, dass ich eine Bipolare Affektive Störung habe. Weiterhin ist die Realität die, dass sie mich mein Leben lang begleiten wird. Ebenso Realität ist, dass ich durch Verhalten in Krankheitsepisoden Andere verletzt habe. Sehr sogar. Menschen die mich mochten, mich schätzten und mich liebten haben sich von mir abgewendet. Das ist Fakt. Aber das ist nun so. Die Vergangenheit ist nicht änderbar. Die Zukunft jedoch schon. Durch die Gestaltung der Gegenwart. Ich muss also aufgrund dieser Realität überlegen, was ich ändern muss, an meinem Verhalten. Das ist in dem Fall ganz einfach. Denn die Ursache ist mir bekannt. Es ist die Erkrankung. Ich muss also alles dafür tun, dass ich möglichst gesund bleibe und künftige Krankheits-Episoden verhindere. Neben den Säulen Medikation, Therapie und einer gesünderen Lebensweise kann aber auch helfen, dass ich nicht mehr dem Druck ausgesetzt bin mich wegen der Störung verstecken zu müssen. Das Schreiben und Sprechen in diesem  Blog, über meine Erfahrungen und Erlebtes ist daher eine so wichtige Komponente für die Aufrechterhaltung meiner eigenen psychischen Gesundheit. Es erlaubt mir, mich ehrlich zu reflektieren und mit mich mit meinen eigenen Dämonen auseinanderzusetzen. Es hilft mir auch dabei mich nicht selbst zu stigmatisieren. Es hilft anderen sich von Vorurteilen zu lösen. Stigmata werden durch Nichtwissen und Angst vor dem Unbekannten verfestigt. Die Bipolare Affektive Störung bleibt unbekannt, wenn wir Betroffenen unsere Erfahrungen verstecken, anstatt darüber offen zu reden. Wer, wenn nicht wir Betroffenen soll denn das sonst angehen? Nicht zuletzt deswegen setzen Ärztinnen und Ärzte bei der Behandlung von Betroffenen auf den Trialog (Erfahrungsaustausch zwischen Patient*innen, Angehörigen und Therapeut*innen), denn sie wissen darum, dass es wenig hilft, „wenn Blinde vom Licht sprechen“, um das mal als Krankheitsanalogie darzustellen. Das soll an dieser Stelle keine Diskriminierung von Blinden sein.

Die Offenheit zu meiner eigenen Lebensgeschichte ist für mich Teil meines Weges zur psychischen Gesundheit. Seit ich anfing, für Stimmungsjo-jo zu schreiben, erlebte ich eine Menge Zuspruch und Unterstützung. Sicher, es wird immer Menschen geben, die mit mir und Geschriebenen nicht einverstanden sind, aber zum größten Teil ist es bisher eine positive Erfahrung. Gerade aus dem Bereich Betroffener und Profis erhalte ich viel Zuspruch. Von einigen Menschen die nicht betroffen sind erhalte ich jedoch leichte Kritik. Nicht inhaltlich, das könnten sie auch schwer beurteilen. Viel mehr darüber, dass mein Urteilsvermögen getrübt sei, da ich Nachteile zu erwarten hätte, wenn ich mich mit der Krankheit oute. Hierzu sage ich: „Ich bin bipolar erkrankt und das ist zwar nicht gut so, aber es ist so! Und es ist behandelbar!“

Trotz dieser wenigen negativen Rückmeldungen habe ich entschieden, dass das Teilen meiner Geschichte für mich von nun an ein lohnendes Unterfangen sein wird. Und wenn es nur so weit reicht, dass eine einzige Person da draußen auf sie stößt und erkennt, dass sie nicht alleine ist. Bipolare Störungen haben zu meiner turbulenten Vergangenheit beigetragen, aber ich lasse es nicht zu, dass meine Zukunft dadurch weiter beeinträchtigt wird. Und während die bipolare Störung zu meiner Vergangenheit beigetragen hat, habe ich gelernt, die Verantwortung für mein Handeln zu übernehmen. Und das heißt auch, darüber zu sprechen und Lösungswege zu suchen, die zukunftsorientiert einen Mehrwert für mich und mein Umfeld ergeben. An der Stelle bin ich ziemlich zuversichtlich und optimistisch. Und wenn ich mir das so in Ruhe ansehe, dann bin ich damit auf einem guten Weg, denn ich bin selbst zufrieden mit mir bei dem, was ich tue.

Deshalb fordere ich hiermit auch Andere auf, ihre Geschichte zu teilen und sich mit Gleichgesinnten in Verbindung zu setzen. Wenn Du Deine (vermeintlichen) Unzulänglichkeiten ans Licht bringst, bringst Du Licht ins Dunkle und hilfst dabei, eine veraltete und verstaubte  Sichtweise auf „“Manisch-Depressive“ zu entstauben und damit der Stigmatisierung entgegenzutreten. Und ein selbstbestimmtes Leben ist damit mehr denn je möglich. Für Dich. Für mich. Für uns alle Betroffenen.


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Über Flo 92 Artikel
Flo ist gebürtiger Münchner und nach wie vor in der Isarmetropole "dahoam". Mit 38 Jahren wurde bei ihm die Diagnose "Bipolare Affektive Störung" gestellt. Als "manisch-depressiver" hat er in den letzten zwei Jahrzehnten zahlreiche Episoden erlebt, konnte diese jedoch undiagnostiziert und in Unwissenheit der verschiedenen Symptome zum Störungsbild bis zum Tag der "Entdeckung" nie wirklich einer Krankheit zuordnen. Komische Verhaltensweisen konnte er sich daher nicht erklären und verdrängte diese. Der Ahnung, dass was nicht stimmen könnte, wich er im Alltag wegen dieser Unwissenheit somit stets aus. Und so blieb lange Zeit unentdeckt, was längst entdeckt hätte werden sollen. Heute ist Flo in Behandlung und er hat damit die Chance auf ein episoden- und damit symptomfreies Leben. Er ist nicht nur Betroffener, sondern auch Angehöriger. Mehrere Familienmitglieder sind von bipolarer Affektiver Störung betroffen. Die Erfahrungen und das Wissen das er nun im Umgang mit der Krankheit und im Austausch mit anderen Betroffenen erwirbt und erworben hat teilt er nun in diesem Blog. Damit das Wissen um diese Störung in unserer Gesellschaft mehr Zuspruch finden kann. Für die Entstigmatisierung von Betroffenen. Und es soll anderen helfen sich schneller zurecht zu finden. Betroffenen und Angehörigen. Denn je umfangreicher ein Wissen um Bipolare Affektive Störung jeweils ist, desto besser kann gegen Störungsepisoden angegangen bzw. diesen vorgebeugt werden. Von Betroffenen und auch von Angehörigen.

4 Kommentare

  1. Ein sehr guter Text.
    Kein Geheimnis aus seiner Erkrankung zu machen, ist meist der bessere Weg, da zb bei Beziehung oder im Arbeitsverhältnis früher oder später sowieso die Wahrheit ans Licht kommt.
    Offen mit dem Thema umzugehen macht die Seele auch leichter.

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  2. Ich kann aber auch jeden verstehen, der lieber in der Deckung bleiben will. Gerade wegen den großen Nachteilen im Leben. Sicher ändert sich dann dadurch weniger schnell etwas. Aber lieber unauffällig leben, als ein Held mit lauter Ärger am Hals. Outing schafft viel Ärger und löst Episoden aus. Kann zumindest welche auslösen. ich denke man sollte Respekt vor beiden Meinungen haben: Deckung bleiben, Outing.

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  3. Das mag so sein. Man sollte im Allgemeinen abwägen. In Deckung bleiben birgt halt das Risiko, dass es dann mit einem großen Knall rauskommt. Und wie von mir schon benannt, vllt die Beziehung in die Brüche geht oder der Job gekündigt wird. Die Episoden, die dann ausgelöst werden, könnten da um einiges heftiger werden, als wenn man von Anfang an mit offenen Karten gespielt hätte. Und ob ein Versteckspiel besser für die psychische Verfassung ist, mag ich bezweifeln.

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  4. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Probleme ansprechen und nicht verschweigen, damit auf Lösungen hinarbeiten – das ist dann wohl Diamant.
    Und abgesehen davon bestätigen ja Ausnahmen bekanntlich die Regel.

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